Alltag einer alleinerziehenden Mami

Alltag einer alleinerziehenden Mami

Liebe Janine ,

schön, dass ich Dich zu Deiner Familie interviewen darf. Ihr seid besonders, weil Du mit Deiner Tochter seit der Geburt alleine lebst. Zu Eurer Lebenssituation würde ich Euch gerne ein paar Fragen stellen:

1. Welche Schwierigkeiten oder Herausforderungen hattest du besonders nach der Geburt als alleinerziehende Mutter?
Ich hatte für die Geburt meiner Tochter mein duales Studium nach dem ersten Studienjahr unterbrochen. Die Erziehungs- und Betreuungszeiten waren mit dem Kindsvater im Vorfeld eigentlich bereits genau geplant, sodass ich wusste wie und wann ich mein Studium fortsetzen kann. Jedoch war durch die Trennung, die kurz vor der Geburt passierte, die Planung dahin. Ich war demnach fortan auf mich allein gestellt, meine Familie und der Freundeskreis wohnten ca. 300 km entfernt und konnten kaum unterstützen.
Zudem hatten wir erst 4 Monate zuvor eine Doppelhaushälfte bezogen, die ich neben dem unbekannten Terrain der Kindeserziehung auf Grund der Größe und auch finanziell nicht mehr alleine halten konnte.
Ich habe nach dem Umzug und einer Elternzeit von 1 Jahr und 4 Monaten das duale Studium bei der Bundesagentur für Arbeit wieder aufgenommen. Die Herausforderung dabei war es für die nächsten zwei Jahre an zwei Studienorten im Wechsel Unterkünfte und Betreuung für meine Tochter sicherzustellen und gleichzeitig das verlangte Arbeitspensum erfolgreich zu schaffen.

2. Habt Ihr noch Kontakt zum Vater? Ist er im Leben Deiner Tochter eingebunden?
Es besteht kein Kontakt zum Vater, er ist nicht in unserem Leben eingebunden. Gelegentlich gibt es einen kurzen schriftlichen Austausch zum Unterhalt oder wenn es um Vollmachten geht. Er schickt zu Feierlichkeiten ein Päckchen mit Geschenken. Es wurde anfangs versucht, sich auf eine gemeinsame Erziehung zu einigen, jedoch ist dies aus unüberbrückbaren Differenzen bereits nach den ersten Monaten eingestellt worden. Meine Tochter war zu dieser Zeit 5 Monate, kann sich demnach an keinen Kontakt mit ihrem Vater erinnern und hat ihn seitdem auch nie wieder gesehen.

3. In welchen Momenten fällt es Dir besonders schwer alleine die Verantwortung zu tragen?
Da bislang die Entscheidungen immer von mir allein getroffen werden mussten, habe ich sozusagen auch immer das schwere Los die Verantwortung und die Konsequenzen für jede noch so kleine, große oder schwere Entscheidung zu tragen. Ich höre dabei oft auf mein Bauchgefühl und wäge bei sehr schwierigen Entscheidungen sehr lange ab, versuche mich dabei natürlich immer zu Gunsten des Kindes zu entscheiden und suche dabei die optimale Lösung, auch wenn ich dabei selbst viel zu kurz komme.
Schwere Momente gibt es vor allem in der Organisation der Kinderbetreuung,  wenn mein Kind gelegentlich auch mal für ein paar Tage bei der Familie und den Großeltern unterkommen muss, um z.B. wegen Krankheit oder aus anderen Gründen betreut zu werden. In dem Moment gebe ich meine alleinige Verantwortung in die Hände anderer und muss ihnen zu 100% vertrauen. Ebenso, wie die Verantwortung, die ich ja gezwungenermaßen an die Betreuungseinrichtung abgeben muss.
Besonders schwer sind Entscheidungen, die generell Betreuungszeiten im Kindergarten und später auch Schule betreffen, welche mit den Arbeitszeiten vereinbart werden müssen, ohne dass das Kind oder ich zu kurz kommen. Dennoch ist das Ziel finanziell unabhängig zu bleiben und allein den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Dahingehend die ideale Balance zu finden liegt in meiner alleinigen Verantwortung.

4. Gehst Du arbeiten und wie gestaltet sich dann Dein Alltag mit Deiner Tochter?
Ich arbeite vollzeitnah 35h/w im öffentlichen Dienst, der Tag ist daher wenig flexibel und durchgetaktet. Meine Tochter geht in den Frühdienst der Kita, wo ich sie in der Regel täglich gegen 7:30 Uhr abgebe, von dort aus fahre ich direkt zur Arbeit. Meine Arbeitszeit gestaltet sich täglich von Mo-Fr von 8:00 – 15:30 Uhr. Nach der Arbeit fahre ich auf direktem Weg zur Kita, um mein Kind kurz vor 16 Uhr aus dem Kindergarten abzuholen. Danach gehen wir meist eine Kleinigkeit einkaufen, spielen zu Hause, machen Hausarbeit oder gehen spazieren. In der Regel essen wir gegen 18 Uhr Abendbrot, dann schaut mein Kind noch etwas KiKa und nach dem Sandmännchen machen wir uns bettfertig. An den Wochenenden besuchen wir ab und zu die Familie oder entspannen zu Hause und unternehmen viele gemeinsame Dinge zu zweit oder mit Freunden.

5. Hast Du manchmal ein schlechtes Gewissen gegenüber Deinem Kind, wenn ja warum?
Eigentlich weniger. Ein schlechtes Gewissen bekomme ich nur, wenn ich mich nicht so oft mit ihr beschäftigen kann, weil ich Hausarbeit und sonstige Dinge eben neben der Arbeit auch noch zu Hause erledigen muss und sie dann häufig mal alleine spielen muss.

6. Glaubst Du, dass Du und Deine Tochter ein innigeres Verhältnis habt, als Mütter mit mehreren Kindern und einem Partner?
Ich denke, wir haben ein sehr inniges Verhältnis gegenüber Müttern mit mehreren Kindern und einem Partner.
Ich versuche in den meisten Fällen beide Seiten zu bedienen, also sowohl Vater als auch Mutterrolle, was sicherlich nicht ganz identisch sein kann. Das Verhältnis besteht nicht nur aus dem typischen Mutter-Tochter-Verhältnis, wir leben als Freundinnen, Mutter/Tochter und als Team zusammen. Dadurch, dass wir immer zu zweit sind und alles gemeinsam erleben, kennen wir uns sehr genau, sodass wir uns auf einander einstellen können.
Was unsere Beziehung eben ganz besonders macht, ist dass die Meinung/Entscheidung nur von einer Seite kommt und nicht unterschiedliche Erziehungsstile kollidieren, wo sich Vater und Mutter vielleicht nicht einig sind und es häufig auch zu Streitereien kommen kann.
Wir handhaben das meist so, dass ich meiner Tochter mehrere Alternativen als Lösungsstrategie für Probleme oder Abläufe anbiete und wir sie dann auf Augenhöhe solange verhandeln, bis wir beide zufrieden aus der Situation herausgehen.
Auch Diskussionen über bestimmte Themen und genaues Erklären von Sachverhalten, kommt unserer besonderen Beziehung zugute.

7. Stellt Deine Tochter Dir viele Fragen zu Ihrem Vater oder vergleicht sie euch mit anderen Familien?
Gelegentlich fragt sie nach ihrem Vater, ich versuche ihr dann wertfrei die Situation zu erklären und die Antwort ist in den meisten Fällen für sie in Ordnung. Die häufigsten Berührungspunkte mit anderen Familien bzw. auch mit Vätern anderer Kinder hat meine Tochter im Kindergarten, wenn andere Kinder von ihren Vätern abgeholt werden, bzw. wenn wir mit befreundeten Paaren etwas unternehmen. Generell ist der Umgang mit den Vätern für meine Tochter normal, auch wenn sie keinen eigenen Vater dabei hat und grundsätzlich nur die Mama dabei ist. Sie fragt ab und zu, warum ihr Vater nicht da ist und ob er eine neue Frau hat. Auch die (Nach-)Fragen anderer Kinder zum fehlenden Vater weckt das Interesse meiner Tochter etwas darüber zu erfahren. Ein Vergleich zu anderen Familien gibt es in dem Sinne nicht. Mein Kind äußert öfter das Gefühl, dass wir beide immer allein sind, was aber nicht unbedingt mit dem fehlenden Vater zu tun haben muss, sondern eher auf die Familie (Großeltern etc.) zurückzuführen ist, die wir nur gelegentlich sehen.

8. Wäre Deine Tochter gegenüber einem neuen Partner oder gar einer Patchwork Familie aufgeschlossen, redet Ihr darüber?
Meine Tochter hätte gerne einen Vater, denke ich. Grundsätzlich findet sie unser Zusammenleben ohne Vater aber ok, denn sie kennt es nicht anders.
Es wird schon deutlich, dass sie den Vätern unserer Freunde aufgeschlossen und freundlich gegenübersteht und gerne mit ihnen spielt. Gelegentlich reden wir darüber, ob es ok wäre, wenn Mama irgendwann wieder einen Freund hat, dann sagt sie wortwörtlich: „ja das wär gut, dann könnte ich mit dem spielen und der könnte auch mal auf mich aufpassen…“. Wir haben bisher aber diese Situation noch nicht gehabt, daher ist es schwer einzuschätzen, ob sie es einfach akzeptiert, wenn es einen neuen Partner neben Mama gibt und sie vielleicht in manchen Dingen etwas teilen müsste.
Gegen eine Patchwork Familie wäre grundsätzlich nichts einzuwenden, jedoch bräuchte es schon eine längere Beziehungsprobe, um sich für eine Familienzusammenzuführung derart zu entscheiden, denn nicht nur die Harmonie zwischen den Partnern sollte passen, sondern natürlich auch die der Kinder.

9. Mit welchen Vorurteilen seitens anderer Personen oder gar Einrichtungen wie Kitas hast Du zu kämpfen? Oder habt Ihr das Gefühl genauso behandelt zu werden, wie andere Familien?
Vorurteile gegenüber meiner Alleinerziehung gibt es keine, problematisch ist, dass sich niemand in so eine Lage reinversetzen und demtentsprechend die Herausforderungen nicht einschätzen/nachempfinden kann. Das ist nämlich genau das Negative daran, dass man wie eine normale Familie behandelt wird - wo im Großen und Ganzen alles selbstverständlich irgendwie regelbar ist. Daher gibt es auch keine Unterstützungsangebote oder Alternativen seitens des Kindergartens, bspw. an Elternabenden, Studientagen, Eltern-Kind Frühstück, Sommerfest usw. Auch die starren Öffnungszeiten sind für mich als Alleinerziehende schwierig. Dafür, dass ich als Alleinerziehende möglichst viel Arbeitszeit benötige, um finanziell unabhängig zu bleiben, werde ich noch bestraft und muss für den Frühdienst extra Kosten aufwenden.
Vorurteile seitens anderer Personen sind bislang kaum an mich herangetreten, außer dass häufig gesagt wird, dass das Kind doch ein Recht auf seinen Vater hat und der Vater auch das Recht auf sein Kind. Wenn ich dann die Situation erkläre, wird schnell klar, dass für alle Beteiligten kein Kontakt zum Vater besser ist, als wenn das Kind davon Schaden trägt.

10. Welche Herausforderungen hast Du im Moment bei der Corona-Krise zu stemmen?
Das ist momentan das größte Problem was ich bewältigen muss, ohne eine wirkliche Lösung zu haben.
Mein Arbeitgeber konnte mich für 10 Tage freistellen, jedoch sind die nun vorbei und es gibt verschiedene Alternativen, die aber genau genommen keine sind.
Homeoffice wird derzeit für meine Situation nicht bereitgestellt, da meine Funktion nicht wichtig genug ist. Ich werde aber auch nicht vom Dienst freigestellt, weil ich dafür noch zu wichtig bin.
Die Kinderbetreuung ist nicht sichergestellt, obwohl ich für meine Berufsgruppe eine Notbetreuung in Anspruch nehmen könnte. Meiner Meinung nach, erhöht das aber die Gefahr sich mit dem Virus zu infizieren, da dort nur Kinder von Eltern verkehren, die mit Patienten oder im öffentlichen Dienst mit vielen Personen zusammen kommen. Dieses Risiko möchte ich auf keinen Fall eingehen.
Eine weitere Möglichkeit wäre es, meine Tochter für einen langen Zeitraum bei meiner Familie (300km entfernt) betreuen zu lassen und an den Wochenenden zu pendeln, das wäre für ein 4,5 Jahre altes Kind sehr schwer nur an den Wochenenden seine Mama zu sehen und für mich ebenso. Zumal ein Ende dieser Krise nicht mal abzusehen ist.
In der kommenden Woche wird sich vielleicht noch die Möglichkeit ergeben, den Arbeitsort in die Nähe der Familie zu verlegen, das entscheidet sich aber erst dann. Es besteht noch die Alternative unentgeltlich Urlaub zu nehmen oder den Jahresurlaub innerhalb den nächsten Wochen abzubauen. Das bedeutet aber auch, dass man im Normalbetrieb bis Ende des Jahres keinen mehr hat.


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