Bin ich das schwarze Schaf?

Bin ich das schwarze Schaf der Familie?

Kennt Ihr das? In manchen Familien gibt es dieses eine Kind, mit dem es im Alltag auffällig oft kracht. Regeln werden diskutiert, Abmachungen anders umgesetzt und eine eigentlich längst beendete Diskussion geht einfach weiter.
Und weiter.
Und weiter.

Bis irgendwann jemand sagt:
„Jetzt ist wirklich Schluss.“
Und das Kind antwortet:
„Ja, aber nur noch ganz kurz …“
Spoiler: Es ist nie ganz kurz.

Irgendwann fällt dann vielleicht der Satz: „Immer bin ich das Problem.“
Und genau das kann weh tun.
Denn vielleicht ist dieses Kind gar nicht schwieriger als die anderen. Vielleicht tickt es einfach anders.

Familie Sonnenmuster
Nehmen wir Familie Sonnenmuster: Mama Anna, Papa Daniel, Sohn Emil und Tochter Lea.

Anna liebt klare Absprachen. Wenn etwas vereinbart wurde, sollte man sich daran halten. Gleichzeitig ist ihr Harmonie wichtig. Sie möchte, dass man Rücksicht nimmt und merkt, wenn der andere gerade genug hat.

Daniel denkt gern über Lösungen nach, ist zielorientiert und möchte Dinge anschließend auch umsetzen. Wenn eine Lösung funktioniert, muss man sie nicht jeden Tag neu erfinden.

Emil wiederum mag vertraute Abläufe, Harmonie und Sicherheit. Wenn Mama sagt: „Bitte räum deine Schuhe weg“, kommt vielleicht ein „Gleich!“, aber irgendwann stehen sie tatsächlich dort, wo sie hingehören.

Und dann gibt es Lea.

Lea denkt viel, schnell und gerne anders. Sie hinterfragt Dinge, hat ständig neue Ideen und möchte ihren eigenen Weg finden. Gleichzeitig will sie sich durchsetzen und ihr Ziel erreichen.

Wenn Mama also sagt:
„Erst Hausaufgaben, dann Zimmer aufräumen, danach Computer“,
kann Lea eine Stunde später am Computer sitzen.
Die Hausaufgaben?
Angefangen.
Das Zimmer?
Nun ja.
Lea würde sagen: „Fast fertig.“
Mama würde sagen: „Ich glaube, hier ist gerade ein Kleiderschrank explodiert.“
„Aber ich musste kurz etwas für mein Referat nachschauen!“
„Lea, so war das nicht abgesprochen.“
Und schon beginnt die Diskussion.

Lea erklärt, warum ihre Reihenfolge sinnvoller war. Mama erklärt die Abmachung noch einmal. Lea erklärt ihre Sichtweise noch einmal.
Papa kommt dazu.
Lea erklärt es auch Papa.
Mama geht in die Küche.
Lea geht mit.
Mama geht ins Bad.
Lea steht vor der Tür.
„Aber Mama, du verstehst meinen Punkt noch nicht!“
Doch.
Mama hat den Punkt verstanden.
Mama hat den Punkt sogar mehrfach verstanden.
Mama möchte nur einfach nie wieder etwas über diesen Punkt hören.
Genau hier treffen unterschiedliche Bedürfnisse aufeinander.

Für Anna bedeutet eine Abmachung:
Das haben wir so vereinbart.

Für Lea bedeutet sie vielleicht eher:
Das war der Plan, bevor ich noch einmal darüber nachgedacht habe.

Und plötzlich sind beide überzeugt davon, völlig vernünftig zu handeln.

Auch das endlose Diskutieren lässt sich so besser verstehen. Für die Eltern ist ein Gespräch beendet, sobald eine Entscheidung getroffen wurde.
Für Lea vielleicht erst dann, wenn keine Argumente mehr existieren.
Oder sie gewonnen hat.
Beides kann dauern.
Sehr lange.

Von außen kann das schnell rücksichtslos wirken. Vor allem dann, wenn Lea gar nicht merkt, dass Mama längst genervt ist.
Mama sitzt inzwischen schweigend am Küchentisch.
Papa schaut demonstrativ aus dem Fenster.
Emil hat den Raum vorsichtshalber verlassen.
Und Lea sagt:
„Kann ich nur noch eine Sache sagen?“
Nein.
Eigentlich nicht.
Aber natürlich sagt sie sie trotzdem.
Nicht unbedingt, weil ihr andere egal sind. Ihre Aufmerksamkeit liegt in diesem Moment einfach stärker auf ihrem eigenen Gedanken, ihrem Argument oder ihrem Ziel.

Und irgendwann entsteht ein Muster.
Mit Emil gibt es weniger Ärger.
Mit Lea ständig.
Nicht unbedingt, weil Emil „braver“ ist. Seine Art passt einfach besser zu dem, was seine Eltern im Alltag erwarten.

Lea dagegen stößt mit ihrer Art immer wieder an Grenzen.

Ihre Freiheit trifft auf Regeln.
Ihre Ideen auf feste Abläufe.
Ihr Durchsetzungswille auf Rücksichtnahme.

Und irgendwann denkt sie vielleicht:
Mit mir stimmt etwas nicht. Ich bin das schwarze Schaf.

Dabei könnte die passendere Erklärung lauten:
Ich bin innerhalb meiner Familie einfach ziemlich anders.

Und anders bedeutet nicht falsch.

Ein Kind, das ständig hinterfragt, wird sich später vielleicht nicht mit schlechten Antworten zufriedengeben. Ein Kind mit vielen Ideen kann kreativ und lösungsorientiert sein. Ein Kind, das sich durchsetzen kann, wird vielleicht einmal für Dinge kämpfen, die ihm wichtig sind.

Auch wenn man sich als Eltern in diesem Moment eher denkt:
„Schön. Vielleicht rettet sie später die Welt. Heute würde es mir reichen, wenn sie einfach ihre Sporttasche packt.“

Trotzdem muss sie lernen, dass eine Familie aus mehreren Menschen besteht.
Sie muss lernen, Absprachen einzuhalten, Rücksicht zu nehmen und manchmal auch eine Entscheidung zu akzeptieren, die ihr nicht gefällt.

Die Frage ist nur: Wie können wir ihr das beibringen, ohne ständig gegen ihre Persönlichkeit anzukämpfen?

Bei Familie Sonnenmuster helfen ein paar einfache Regeln: Lea darf ihre Meinung sagen und ihre Argumente erklären. Danach entscheiden die Eltern.
Ist die Entscheidung gefallen, ist die Diskussion beendet.
Nicht fast beendet.
Nicht „beendet, außer mir fällt noch ein wichtiges Argument ein“.
Nicht „beendet, aber ich laufe dir noch bis ins Schlafzimmer hinterher“.
Sondern beendet.

Ein sichtbares Stoppsignal kann dabei helfen. Es bedeutet:
Wir haben dich gehört. Die Entscheidung steht. Jetzt wird umgesetzt.
Auch Rücksichtnahme lässt sich üben. Statt „Du denkst immer nur an dich!“ kann man fragen:
„Schau mich einmal an. Wie glaubst du, geht es mir gerade mit dieser Diskussion?“

Und auch Struktur darf von außen kommen. Manche Kinder brauchen klarere Reihenfolgen, Checklisten oder feste Abläufe, weil ihr Kopf seine Energie lieber für andere Dinge nutzt.
Zum Beispiel für 17 neue Ideen.
Drei Gegenargumente.
Ein spontanes Referat.
Und die sehr wichtige Frage, warum die vereinbarte Reihenfolge eigentlich überhaupt logisch sein soll.

Es gibt also gar kein schwarzes Schaf.
Vielleicht gibt es manchmal einfach ein Kind, dessen innere Welt ein bisschen anders funktioniert als die der Menschen um es herum.

Und vielleicht verändert schon dieser Gedanke den Blick.

Aus „Warum kannst du nicht einfach machen, was wir sagen?“ wird:
„Du möchtest deinen eigenen Weg finden. Aber jetzt brauchen wir Verlässlichkeit.“

Und aus „Immer gibt es mit dir Ärger“ vielleicht irgendwann:
„Du bist anders als wir. Und wir schauen gemeinsam, wie wir gut miteinander leben können.“

Denn Familie bedeutet nicht, dass alle gleich sein müssen.
Zum Glück.

Auch wenn wahrscheinlich niemand etwas dagegen hätte, wenn wenigstens einmal alle wortlos ihre Schuhe wegräumen würden.

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